MedienbeiträgeFreitag 13. Januar 2012
FTD: Klinz nimmt Stellung zu Etablierung einer EU-Ratingagentur
In einem Artikel der Financial Times Deutschland vom 13. Januar werden die Schwierigkeiten diskutiert, welche bei der Etablierung einer neuen Ratingagentur vorherrschen. Als Schattenberichterstatter zu der aktuellen Gesetzesreform gibt Wolf Klinz zu Bedenken, dass im Europäischen Parlament es derzeitig keine Mehrheit für die Forderung eine öffentliche Ratingagentur samt Anschubfinanzierung mit staatlichen Geldern zu etablieren.
Hoffen auf Barrierefreiheit
Warum es so schwer ist, eine Ratingagentur zu etablieren - und weshalb die Chancen diesmal dennoch besser stehen als noch vor zehn oder 20 Jahren
Von Heinz-Roger Dohms, Frankfurt, und Mark Schrörs, Kopenhagen:
Frankfurt am Main, März 1991: Der Beirat der Projektgesellschaft Rating konstituiert sich. Alle wichtigen Adressen der deutschen Finanzszene sind vertreten, es spricht Rolf Breuer, der spätere Chef der Deutschen Bank. "Ich kann mich noch gut daran erinnern", erzählt Oliver Everling, damals Leiter der Projektgesellschaft. "Breuer hat geredet, alle haben geklatscht. Aber dann hat irgendwer gefragt, warum die Bankenindustrie überhaupt ein Interesse an so einer Agentur haben sollte. Und eigentlich haben wir darauf nie eine Antwort gefunden."
1993 stellt die Projektgesellschaft Rating ihre Arbeit wieder ein. Warum fällt es so schwer, eine Ratingagentur zu etablieren? Zunächst einmal: Die Markteintrittsbarrieren sind hoch. Die Ratingbranche ist kein typisches Start-up-Business, in der ein neuer Wettbewerber mit einer frischen Idee mal eben den Markt aufmischt. "Man braucht erst einmal eine kritische Masse an Analysten, mit denen man eine kritische Masse an Research erzeugt. Und dann braucht man Jahre, um Emittenten und Investoren von seiner Arbeit zu überzeugen und Aufträge zu generieren", sagt Günther Stur. Er gründete 2000 mit indirekter Bundeshilfe die Agentur Euroratings AG, die allerdings auch nur zwei Jahre durchhielt. Momentan unternimmt er unter dem Projektnamen InvestoRatinx einen neuen Anlauf.
Standard & Poor's (S&P), Moody's oder Fitch teilen rund 95 Prozent des globalen Ratingmarkts unter sich auf. Die Manager der drei Agenturen behaupten gern, dass ihre Oligopolstellung auf Fachwissen, Datenmassen und dem Vertrauen am Markt beruht. Das ist teils richtig. Teil der Wahrheit ist aber auch, dass Übernahmen und Aufsichtsregeln jahrzehntelang dazu beitrugen, die Marktmacht zu zementieren. Schließlich: Unternehmen, Investoren und Agenturen scheinen sich im etablierten System bequem eingerichtet zu haben. Die meisten Emittenten sind mit ihren Ratings zufrieden. Und solange die Investoren die Ratings nicht infrage stellen - warum sollte ein Emittent dann etwas ändern?
Nach Ansicht von Experte Everling gehen in Sachen Ratingagenturen auch bei den Banken die Interessen auseinander. "Was haben die Geldinstitute davon, wenn Bonitätswissen sozialisiert wird?", fragt er. Die Finanzplatz-Initiative Frankfurt, zu deren Mitgliedern fast alle größeren deutschen Banken gehören, hat sich letzten Sommer verbal hinter das Ratingprojekt von Roland Berger gestellt. Bislang sind daraus aber keine konkreten Finanzierungszusagen erwachsen. Unterstützung kommt stattdessen aus Brüssel: Der jüngste Gesetzesinitiative der EU-Kommission zu Ratingagenturen liest sich zumindest teilweise, als wäre sie auf das Berger-Konzept zugeschnitten. Zum Beispiel moniert der zuständige Kommissar Michel Barnier Interessenkonflikte aufgrund des von den "Großen Drei" seit Jahrzehnten angewendeten Systems, dass die Emittenten für die eigenen Ratings zahlen.
Auflösen will er diesen Konflikt durch ein Rotationsmodell: Die Emittenten von Wertpapieren müssten alle paar Jahre eine neue Agentur beauftragen, damit Anreize für Gefälligkeitsnoten verringert werden. Damit wäre das Oligopol der "Großen Drei" automatisch gefährdet. "Was Barnier da vorhat, stammt zu 50 Prozent aus der Feder von Roland Berger", ätzt einer aus der Branche.
Dem Europäischen Parlament gehen die Vorschläge Barniers noch nicht weit genug. Viele Abgeordnete sind frustriert, dass der Binnenkommissar keine expliziten Vorschläge zum Aufbau einer EU-Agentur gemacht hat. Ursprünglich hatte das Parlament genau dies gefordert. Einige Parlamentarier, vor allem aus den linken Parteien, sprechen sich zudem für eine öffentliche Ratingagentur aus oder favorisieren zumindest eine Anschubfinanzierung mit staatlichen Geldern. Bislang habe diese Position im Europäischen Parlament allerdings keine Mehrheit, sagt der FDP-EU-Abgeordnete Wolf Klinz. Er ist der sogenannte Schattenberichterstatter seiner Fraktion zur aktuellen EU-Gesetzesreform.
Und doch: Auch wenn aus Brüssel nur regulatorische Hilfe kommt und keine finanzielle - die Eintrittsbarrieren sind nicht mehr so hoch wie vor zehn oder 20 Jahren. Berger-Mann Markus Krall sagt sogar: "Sie waren noch nie so niedrig wie heute."


